Ihr Kollege vom Schreibtisch gegenüber telefoniert ständig und das zu laut. Er hält Absprachen nicht ein, ist rücksichtslos, und auf die Idee, in der Teeküche auch nur eine Tasse in den Geschirrspüler zu räumen, käme er im Leben nicht. Kurzum: Sie sind genervt. Ihrem Ärger würden Sie nur zu gerne lautstark Luft machen, aber Sie wissen natürlich, dass das die Arbeitsatmosphäre nachhaltig trüben könnte. Was können Sie tun? Wie kritisiert man Kollegen?

Eine Antwort findet sich in dem fast 300 Jahre alten Werk eines Samurais. Im Hagakure, demWeg des Samurais, führt Tsunetomo Yamamoto (1659-1719) Weisheiten auf, die in Japan heute noch so geläufig sind wie hierzulande Aphorismen von Goethe oder Schiller. Eingangs stellt der Philosoph fest:

„Einer Person die eigene Meinung zu vermitteln und ihre Fehler zu korrigieren, ist eine wichtige Sache.“

Das gilt auch im Büro. Ärger ständig herunterzuschlucken, ist ungesund. Und nur wer Fehler konstruktiv korrigieren kann, wird Erfolg haben. Doch Yamamoto rät nicht zum Frontalangriff, sondern mahnt zu Besonnenheit und strategisch geschicktem Vorgehen:

„Um jemanden seine Meinung zu sagen, musst du vorher sorgsam abschätzen, ob derjenige in einer günstigen Verfassung dafür ist. Du musst dich mit ihm vertraut machen und sichergehen, dass auch er Vertrauen zu dir fasst.“

Hat der Kollege vielleicht einfach einen schlechten Tag oder rückt die Deadline eines wichtigen Projekts immer näher, ist er womöglich so angespannt, dass er Ihre Kritik gar nicht annehmen kann und stattdessen gereizt reagiert. Außerdem hebt Yamamoto auf das Vertrauen ab, das zwischen Kritisierendem und Kritisiertem bestehen muss. Schätzt der Kollege Sie nicht, wird er bei Kritik abblocken, egal in wie viel Watte Sie sie verpacken.

„Unterhalte dich mit ihm über Themen, die ihm wichtig sind, und versuche, dich möglichst freundlich und unmissverständlich auszudrücken.“


Auf den Kollegen einzugehen hat gleich zwei Effekte: Er wird an Ihr vertrauensvolles Verhältnis erinnert, und Sie laufen nicht Gefahr, mit der Tür ins Haus zu fallen oder sich zu ereifern.

„Rühme seine Stärken und nutze jede Möglichkeit, um ihm Mut zu machen, vielleicht indem du über deine eigenen Schwächen sprichst, ohne seine zu berühren, sodass ihm seine Schwächen von selbst bewusst werden.“

Arbeitspsychologen sprechen in diesem Zusammenhang von der „Sandwich-Regel“, nach der man jede Kritik mit Lob flankieren soll. Der Samurai meint das gleiche. Indem Sie Ihren Kollegen bestärken, machen Sie ihn für Ihr Anliegen zugänglich. Von den eigenen Schwächen zu sprechen, um ihn auf seine hinzuweisen, braucht kommunikatives Geschick.

Moderne Paartherapeuten empfehlen etwas ganz ähnliches: Wenn Sie sich ärgern, versuchen Sie, Ihre Vorwürfe statt in „du“- in „ich“-Aussagen auszudrücken. Sagen Sie also „Es kostet mich sehr viel Zeit, ständig Ihr Geschirr wegzuräumen“, anstelle von „Nie räumen Sie das Geschirr weg.“ Die Kritik ist nach Yamamoto nicht der Einstieg in eine Diskussion mit dem Kollegen, sondern steht am Ende des Gesprächs.

„Bringe ihn dazu, deine Meinung entgegenzunehmen wie ein Mann mit trockener Kehle das Wasser, und du wirst seine Fehler korrigieren.“

Haben Sie über Ihre eigenen Schwächen gesprochen, was Ihnen nicht passt und die Fähigkeiten Ihres Kollegen im Lösen von Problemen gelobt, können Sie Ihre Kritik anbringen. ImWeg des Samurais muss dem Kritisierten die Kritik als Ausweg erscheinen, nicht als Angriff. Diese Taktik kostet Sie wahrscheinlich mehr Zeit, als dem Kollegen einfach „Telefonieren Sie gefälligst leiser!“ an den Kopf zu werfen, wird aber langfristig viel erfolgreicher sein.

Und für langfristigen Erfolg im Allgemeinen hat Yamamoto auch noch einen Tipp parat: „Dinge von großer Bedeutung sollen gelassen angegangen werden.“ Wer hätte gedacht, dass der Schlüssel zu einem friedlichen und produktiven Büroalltag ausgerechnet bei einem vor fast 300 Jahren gestorbenen Krieger zu finden ist?

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