Experte:

M.A. Wirtschaftswissenschaften Franz Albert Springer

Frau mit Taschentuch in der Hand und Kollegen im Hintergrund

„Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich recht ungeniert!“

Diese Feststellung einer alten Volksweisheit trifft leider auf unsere Gesellschaft nicht zu. Ein guter Ruf ist ein hohes Gut und muss sorgsam gepflegt werden. Aus diesem Grund ist Rufschädigung , eine Stigmatisierung des Opfers durch den Täter, ein äußerst wirkungsvoller Bestandteil der Mobbingaktivitäten.

Wer sich schon einmal einer Rufschädigung ausgesetzt sah, weiß wovon hier die Rede ist. Dem Täter bieten sich viele Möglichkeiten sein Opfer zu stigmatisieren, wie die aufgeführten Fälle zeigen.

Beispiel 1: Die „autoritäre“ Stationsleiterin

Frau Anita K. (49 Jahre) ist Stationsleiterin in einer süddeutschen Klinik. Ihr eilt der Ruf voraus „autoritär bis auf die Knochen“ zu sein, keinen Widerspruch zu dulden und ein hartes Führungsverhalten zu zeigen.

Im Rahmen eines Führungskräfteseminars lernte ich Frau K. kennen und wunderte mich über ihren Ruf, machte sie doch einen ganz anderen Eindruck auf mich. Ich bat sie daher, mir zu erklären, wie sie sich diesen Ruf erworben habe.

Frau K. beschrieb mir dann, halb lächelnd, halb resigniert, die Geschichte ihrer Rufschädigung. Bevor sie die Stationsleitung übernahm war sie einige Jahre als Stellvertreterin der Stationsleiterin in eben dieser Station eingesetzt, die sie später als Leiterin übernahm. Ihre damalige Vorgesetzte, eine erfahren Stationsleiterin, bemühte sich, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, und delegierte alle unangenehmen Aufgaben an ihre Stellvertreterin.

In der Praxis stellte es sich so dar, dass alle Wohltaten für die Mitarbeiterinnen der Station von der Stationsleiterin kamen, dass, im Gegenzug, aber alle unangenehmen Dinge von der Stellvertreterin kamen. Als Stellvertreterin gehörte es zu den Aufgaben von Anita K. auch disziplinarische Maßnahmen gegen Mitarbeiterinnen zu ergreifen, wenn dies nötig erschien. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Stationsleiterin sich offen gegen Frau K. als ihre designierte Nachfolgerin aussprach. Um diese Nachfolge zu verhindern ließ die Stationsleiterin keine Gelegenheit aus den Mitarbeiterinnen gegenüber das negative, autoritäre Bild der Anita K. zu zeichnen.

Nach dem Prinzip, dass „steter Tropfen den Stein höhlt“ taten die Aktivitäten der Stationsleiterin ein Übriges und schon hatte Frau K. ihren Ruf als autoritäre, unangenehme Person weg.

Beispiel 2: Der „rücksichtslose Karrierist“

Herr Peter J. ist Personalchef eines mittelständischen Unternehmens und genießt den Ruf eines ehrgeizigen Karrieristen, der für seine Karriere „über Leichen geht“. Für diesen Ruf zeichnen übelmeinende Mitarbeiter verantwortlich, die jede Personalentscheidung Herrn Js mit negativen und unwahren Kommentaren versehen.

So wird Herrn J. Hartherzigkeit vorgeworfen, weil er einem Mitarbeiter fristlos kündigte, der im volltrunkenen Zustand während der Arbeitszeit angetroffen wurde und der, als der Abteilungsleiter ihn zur Rede stellte, diesen mit Fußtritten und Faustschlägen traktierte.

Rufschädigung durch böswillige Unterstellungen

Herrn J. wird auch unterstellt, er hätte seinen Stellvertreter „weggemobbt“, weil dieser fähiger gewesen sei als Herr J. und deshalb der Karriere des Herrn J. gefährlich wurde. Tatsache hingegen ist, dass der Stellvertreter versuchte Herrn J. zu hintergehen, ihm Informationen vorenthielt und in innerbetrieblich verleumdete. Es war offenkundig, dass der Stellvertreter die Position von Herrn J. anstrebte. Um diese unhaltbare Situation zu beenden stellte Herr J. seinen Stellvertreter vor die Alternative einen Auflösungsvertrag zu unterschreiben, ein gutes Zeugnis zu bekommen und hoch erhobenen Hauptes aus dem Betrieb auszuscheiden oder fristlos gekündigt zu werden.

Beispiel 3: Der „obszöne“ Lehrer

Deltev H. (52 Jahre) ist Lehrer an einer Realschule. Seine extrovertierte Persönlichkeit bringt es mit sich, dass er nicht nur Freunde im Kollegium hat. Zudem ist Herr H. des Öfteren krank und seine Kollegen müssen Stunden mit übernehmen, was für sie unbezahlte Mehrarbeitbedeutet.

Da Herr H. allein lebt, häufig wechselnde Partnerschaften hat und auch sonst sein Leben genießt macht ihn dies in den Augen der Kollegen verdächtig. Besonders seine häufig wechselnden Partnerinnen, die oft wesentlich jünger als Herr H. sind erregen den Unmut seiner Kollegen.

Rufschädigung durch Gerüchte

Es nimmt deshalb nicht Wunder, dass sich langsam aber stetig das Gerücht verbreitet, Herr H. hätte pädophile Neigungen, würde seinen Schülerinnen in den Ausschnitt der Bluse „glotzen“ und anzügliche Reden führen. Einige Kollegen sorgen dafür, dass das Gerücht über den Kollegenkreis hinaus zu den Elternvertretern getragen wird. Die Elternschaft ist natürlich empört ob des obszönen Lehrers und versucht diesen „kalt zu stellen“. Herr H. ist nach dieser Rufschädigung nun mannigfaltigen Anfeindungen ausgesetzt und, obwohl sich keines der Gerüchte bewahrheitet, genießt er nach wie vor den Ruf eines Pädophilen.


Lesen Sie außerdem hier alle weiteren Teile der Mobbing-Reihe von Franz Albert Springer.

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