Meine ersten Tage im Außendienst: Die Anzeige hieß „Leicht erlernbare Tätigkeit – Versicherungskundenstamm vorhanden – angenehme Arbeitszeit – Firmenwagen wird gestellt – ausgezeichnete Verdienstchancen“. Ich mailte meine Bewerbung und zu meiner Freude wurde ich zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Der Typ war sympathisch. Er erzählte mir wie viel Spaß eine Außendiensttätigkeit macht und dass ich eine gute Balance zwischen Familien-, Privat- und Berufsleben haben würde, stellte den Firmenwagen als Luxus raus und dass es gar nicht so schwer wäre. Also ließ ich mich auf das Vierteljahr Ausbildung ein.

Irgendwie war es wie Ganztagsschule. Zwei Wochen waren wir sogar in einem schönen Hotel untergebracht, um für die Prüfung zu lernen. Ich bestand die Prüfung, aber jetzt kam etwas Schwieriges. Die drei Monate Festgehalt waren vorbei. Jetzt ging es um Provisionseinkommen. Und ich fiel aus allen Wolken.
Ich dachte, ich sollte zu Kunden fahren, die sich gemeldet hatten und Versicherungen wollten. Nein, so einfach wäre das nicht, aber ich würde schließlich Adressen von Stammkunden bekommen, die von Zeit zu Zeit ihre Tarife wechseln oder den Lebensumständen anpassen wollten. Tja, Fehlanzeige. Auch die musste ich anrufen. Montag sortierte ich alle erhaltenen Karteikarten. Dienstag ging ich nochmal meine ganzen Lehrinhalte durch und am Mittwoch bekam ich dann den Anruf, nicht eines Kunden, aber den meines Bosses, der fragte, wie viele Leute ich schon besucht hätte. Ich sagte „Ich bin ganz viel in Vorbereitung. Morgen leg ich los.“

Ich konnte Mittwochabend kaum einschlafen, denn ich sollte jetzt fremde Menschen anrufen. Und ich hatte ja schon gelogen, so getan, als wenn ich das schon getan hätte. Am Donnerstagmorgen dachte ich „Naja, viele sind ja vormittags und nachmittags nicht da. Das würde ich dann wohl abends machen.“ Abends dachte ich „Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag.“ Ich lotste mich sogar noch über den Freitag mit Ausreden und freut mich wie blöd über das Wochenende – telefonfreie Zeit. Montagmorgen war aber immer die Versammlung aller Versicherungsagenten. Alle sprachen so über ihre Kunden, gaben unterschriebene Anträge ab und ich erntete nur fragende Blicke. Unserer Versicherungsboss nahm mich beiseite und sagte: „Sie haben keinen angerufen. Sind Sie faul oder? Haben Sie keine Lust oder irgendwelche anderen Probleme? Sie können hier nicht Vorschüsse bekommen und dann nichts tun. Das grenzt ja an Arbeitsverweigerung.“ Dann beichtete ich ihm von meinem Problem, dass ich immer schon Schwierigkeiten hatte, auf Fremde zuzugehen oder jemanden den ich nicht kannte, anzurufen.
Zu meiner Erleichterung sagte er „Jetzt geben sie mal ein paar Adresskarten her. Jetzt mache ich Ihnen mal die Anrufe vor und Sie hören mit.“ Na das klang schon schwierig, aber noch mit Marscherleichterung. Dann sagte er irgendwann, dass ich jetzt dran wäre. Ich dachte „Jetzt bin ich geliefert.“ Aber irgendwie hat mich die Aussicht, ein paar Monate umsonst gelernt zu haben, auf der Straße zu sitzen und ein Zeugnis zu bekommen, das totale Unfähigkeit ausdrückte, total unter Druck gesetzt. Und ich wollte den Druck ablassen, ich rief also an. Gott sei Dank war der erste Versicherungskunde recht gnädig und gab mir einen Termin. Jetzt dachte ich „Nun ist es gelaufen.“ Aber mein Chef zwang mich, gleich weiter zu telefonieren. Er sagte „Von einem Termin wird man nichts. Die fallen aus, Kunden sind nicht da.“ Und so telefonierte ich weiter, während er daneben stand. Natürlich war es am nächsten Tag eine Riesenüberwindung, auch beim Kunden zu klingeln, aber irgendwie merkte ich, es schreit mich keiner an, ich werde nicht verletzt. Und nach und nach hatte ich regelrecht Spaß daran, Kunden anzurufen und zu besuchen.

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