Vor gut 15 Jahren durchlief die deutsche Fußballauswahl eine ihrer dramatischsten Schwächephasen. Nach der Viertelfinalpleite gegen Kroatien bei der Weltmeisterschaft 1998 und dem blamablen Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft zwei Jahre später schäumte die Öffentlichkeit vor Wut und Häme: Von „Angsthasenfußball“ war die Rede, vom „Dinosaurus Germanicus“ und natürlich den berüchtigten „Rumpelfüßlern“.

Zeitsprung. Südafrika, 2010: Die deutsche Nationalelf fegt England vom Platz, demütigt Argentinien mit 4:0 und zelebriert mitreißenden Tempofußball. Das Durchschnittsalter des Kaders liegt mit nicht einmal 25 Jahren sechs Jahre unter dem Vergleichswert von der EM 2000. Statt wie in Belgien und den Niederlanden einer könnten nun sechs der in Südafrika angetretenen Spieler noch für die U21 auflaufen. Nach der begeisternden WM 2006 und dem Finaleinzug bei der EM zwei Jahre später reibt sich die Fußballwelt beim dritten Turnier in Folge die Augen über die deutschen Fußballer. Bei der EM in Polen und der Ukraine gelten sie als Favorit. Was war passiert?

Bis 1998 war die Jugendförderung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) uneinheitlich und ohne große Lobby. Entsprechende Kritik vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts stieß jedoch auf taube Ohren. Das änderte sich nach der EM 2000. Der DFB reformierte seine Talentförderung radikal. Alle Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga mussten nun Leistungszentren aufbauen; die Zahl der Stützpunkte wurde flächendeckend auf 390 erhöht. Seit 2006 richteten DFB und Deutsche Fußball-Liga (DFL) 29 Eliteschulen des Fußballs ein. Der Schlüssel zum Erfolg liegt auch und gerade in der guten Zusammenarbeit zwischen dem DFB und den Bundesligavereinen.

Mehr Qualität und Quantität

Parallel dazu wurde die Trainersituation im Jugendbereich qualitativ und quantitativ verbessert. Die Anzahl der Verbandstrainer wurde beinahe verdoppelt. Von den mehr als 1500 in den Leistungszentren und in der Talentförderung eingesetzten Trainern besitzt mittlerweile mehr als jeder dritte eine der beiden höchsten DFB-Lizenzen, könnte also einen Regional- oder Bundesligaverein coachen.

Das führt dazu, dass Talente heute weit besser erkannt und gefördert werden können als vor 1998. Im Ergebnis können sich immer mehr junge deutsche Talente in der Bundesliga etablieren. Stammten in der Saison 2000/2001 lediglich 36 Spieler aus den Jahrgängen U18 bis U21, waren es neun Jahre Später in der Saison 2009/2010 bereits 76. Praktisch alle heutigen Nationalspieler sind im DFB-System der Talent- und Elitenförderung ausgebildet worden.

DFB und Bundesliga lernten aus den Fehlern der Vergangenheit, gingen systematisch gegen sie vor und besaßen dann den nötigen langen Atem. Neues wagen, Bewährtes behalten, auf Masse setzen und zugleich auf Qualität: Manchmal muss man alles auf einmal in Angriff nehmen, um zurück auf die Erfolgsspur zu kommen.

Und dass die deutsche Elf dort angekommen ist, blieb nicht unbeobachtet. In England rief der „Observer“ die deutsche Jugendarbeit kurzerhand zur „Blaupause“ für die Nachwuchsförderung im Mutterland des Fußballs aus. Für das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft wäre es vermutlich besser, wenn die Talentförderung des DFB nicht Schule machte. Andererseits würde es wohl jeder Fußballfan begrüßen, wenn die „Rumpelfüßler“ überall von der Bildfläche verschwänden.

Cord Krüger

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