Am 27. Juli werden sich für knapp drei Wochen die geografischen Koordinaten verschieben. Versteht man unter dem Namen Olympia sonst einen Ort auf der Peloponnes, bezeichnet es dann eine ganze Kleinstadt aus Sportanlagen im Londoner Stadtteil Stratford. Die Olympischen Spiele, jener antike Wettbewerb um Ruhm, Rekorde und Medaillen, werden heute nicht mehr wie zu vorchristlicher Zeit alle vier Jahre  Griechenland ausgetragen, sondern rund um den Globus: Die 30. Sommerspiele der Neuzeit in der Hauptstadt des Vereinigten Königreiches.

Längst sind Olympiaden Weltereignisse selbst abseits der Sportsstätten. Zeremonienmeister der Eröffnungsfeier ist Oscar-Preisträger Danny Boyle; Paul McCartney hat sich angekündigt und Daniel Craig wird sich als James Bond in einem Einspielfilm die Ehre geben. Die Veranstalter rechnen mit mehr als 10.000 Athleten aus 200 Nationen. Die Kosten für die Ausrichtung der Sommerspiele belaufen sich auf über 2,5 Milliarden Euro, Sportstätten und Infrastruktur nicht mitgerechnet. 40.000 Sicherheitskräfte sollen für Ordnung sorgen. Allein Londons größter Flughafen Heathrow geht von 600.000 zusätzlichen ausländischen Besuchern aus. Olympia 2012 verspricht ein gigantisches Spektakel zu werden.

Aber wie hat das eigentlich angefangen? Wie wurde aus dem antiken Wettstreit junger Männer ein globales Event? Wer hat die Olympischen Spiele der Neuzeit kreiert?

Die Ursprünge der Olympischen Spiele als regelmäßige Sportwettkämpfe liegen im achten Jahrhundert vor Christus. Alle vier Jahre, zum Ende einer sogenannten „Olympiade“, traten junge griechische Männer gegeneinander an und maßen sich in Lauf- und Wurfdisziplinen, im Mehrkampf und im Pferdesport. Zum letzten Mal wurden die antiken Spiele im Jahr 393 ausgetragen.

Fast anderthalb Jahrtausende später, am 1. Januar 1863, kam Pierre de Coubertin in Paris zur Welt. Er studierte Sprachwissenschaften, Kunst sowie Jura und begeisterte sich für Pädagogik. Besonders hatte es ihm das Verhältnis zwischen Erziehung und Sport angetan. Coubertin reizten die Vorstellungen des Theologen Thomas Arnold, wonach erst körperliche Ertüchtigung alle geistigen Potenziale eines Menschen zur Entfaltung bringen könne.

Deutsche Archäologen graben eine alte Idee aus

Studienreisen in die Vereinigten Staaten und nach Großbritannien, wo Mannschaftssportarten und individuelle Ertüchtigung ganz selbstverständlich zum Lehrplan gehörten, vertieften Coubertins Glauben an die Macht des Sports. Doch nicht nur jeden Einzelnen sollte der Sport voran bringen, sondern auch die Gesellschaften. Sport bedeutet Fortschritt, so die Idee des Franzosen.

Etwa zur gleichen Zeit, von 1875 bis 1881, gruben deutsche Archäologen unter großem Interesse der europäischen Öffentlichkeit in Griechenland die Ruinen des antiken Ortes Olympia aus. Coubertin war begeistert. Mittlerweile war er zum Funktionär im französischen Athletikverband aufgestiegen und rief einen neuen ins Leben: das Internationale Olympische Komitee (IOC). Dessen Ziel war es, die Olympischen Spiele neu zu beleben. Coubertin lud zu einem völkerübergreifenden Kongress ein.

„Alle Sportarten, alle Nationen“

Ursprünglich wollte er die wiederbelebten Wettkämpfe in Paris austragen lassen, doch dieser Plan scheiterte. Athen bekam den ersten Zuschlag. Unter dem Motto „Alle Sportarten, alle Nationen“ kämpften männliche Amateurathleten um Siege. Coubertin selbst war es auch, der das berühmte Logo mit den fünf Ringen entwarf. Doch nicht nur als Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit machte er von sich reden. 1912 gewann er unter einem Pseudonym in der Disziplin Literatur – denn bis 1948 gehörten auch künstlerische Bereiche zu den olympischen Wettkämpfen. 1925 trat er – aus Altersgründen – als Generalsekretär zurück.

Damals hatten die Olympischen Spiele noch nicht ihren heutigen Ereignischarakter erreicht, aber Pierre de Coubertin hatte die Idee des friedlichen, sportlichen Wettbewerbs in die Gegenwart zurückgeholt und fest verankert. Sein Herz wurde nach seinem Tod in Olympia bestattet. Und irgendwie wird er auch dabei sein, wenn Olympia demnächst für drei Wochen viele Hundert Kilometer nach Westen verrutschen wird.

Cord Krüger

Lesen Sie auch

Noch keine Kommentare vorhanden.

Sag' Deine Meinung!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *