Ein Kloster im 13. Jahrhundert und ein Büro in den 1950er Jahren haben etwas gemeinsam: In beiden Einrichtungen wurden Dokumente auf die gleiche Weise vervielfältigt, nämlich von Hand. Die Methode der Wahl änderte sich erst, als ab 1960 ein Gerät Einzug in die Schreibstuben der Welt hielt, das genauso unhandlich war wie sein Name: Der Xerox 914.

Mit dem ersten brauchbaren Fotokopierer änderte sich schlagartig alles. Heute wird sich kaum ein Student, Lehrer, Vortragender oder Büroangestellter mehr vorstellen können, wie die Zeit vor dem Xerox 914 ausgesehen haben mag. Der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan maß der Erfindung des Fotokopierers denn auch eine vergleichbare Tragweite bei wie dem Buchdruck: „Gutenberg machte alle zu Lesern, Xerox macht alle zu Herausgebern.“ Aber wer hat ihn erfunden, den ersten Fotokopierer?

Chester Floyd Carlson wurde 1906 in Seattle geboren. Die Familie war arm, sein Vater schwer krank und so wurde Carlson bereits im Alter von 14 Jahren zum Haupternährer seiner Eltern. Sein Berufswunsch stand früh fest. Er wollte Erfinder werden. Und was er erfinden wollte, war ihm ebenfalls bald klar. Carlson verlegte als Schüler seine eigene naturwissenschaftliche Zeitung und erkannte, wie mühselig das Duplizieren von Schriftstücken war. Er wollte eine neue Methode entwickeln, eine einfache.

Nach einem erfolgreichen Physikstudium zog Carlson nach New York und arbeitete bald in der Patentabteilung einer Elektronikfirma. Auch hier vermisste er ein vernünftiges Kopiergerät. Carlson feilte an seiner Idee und griff dabei auf das Phänomen der sogenannten Fotoleitfähigkeit zurück. Bei Lichteinfall verändern bestimmte Elemente wie Schwefel oder Selen ihre elektrische Leitfähigkeit. Mit so einer elektrochemischen Reaktion wollte Carlson Kopien erzeugen.

„10.-22.-38 ASTORIA“


In seiner Freizeit tüftelte er und stellte schließlich einen Assistenten ein, um einen Prototypen zu bauen. Otto Kornei war unlängst vor den Nazis aus Österreich geflohen, und weil er in der Wirtschaftskrise keine besser bezahlte Anstellung fand, half er Carlson. Am 22. Oktober 1938 wagten sie in ihrem behelfsmäßigen Labor in Astoria nahe New York das erste Experiment mit ihrer Maschine und kopierten die Botschaft „10.-22.-38 ASTORIA“.

Der Test gelang, Carlson meldete sein von ihm „Elektrofotografie“ getauftes Patent an (US Patent-Nr. 2.297.691) und stellte seine Erfindung Unternehmen vor. Die Reaktionen waren niederschmetternd. Vielleicht war der scheue Physiker kein redegewandter Verkäufer, vielleicht sah einfach niemand das Potenzial des Geräts. Alle kontaktierten Firmen winkten ab, selbst IBM.

Die Kunden verschmähen das Produkt – noch

Das Glück wendete sich, als Carlson 1944 mit den Ingenieuren des Battelle Memorial Institute aus Ohio zusammentraf. Die Wissenschaftler sahen sofort die Vorzüge des Verfahrens. Wenig später stieß der Büromittelhersteller Haloid hinzu. Die Entwicklung ging weiter.

Am 24. Oktober, kurz nach dem zehnten Jahrestag von Carlson und Korneis erstem erfolgreichen Experiment, präsentierten der Erfinder und seine Partner die nächste Entwicklungsstufe, benannt nach den griechischen Worten für „trocken“ und „schreiben“: den Xerographen. Das XeroX Model A funktionierte, brauchte für eine Kopie jedoch eine geschlagene Minute. Experten waren angetan, die Unternehmen schickten alle Testgeräte als zu langsam und daher untauglich zurück.

Der Erfinder spendet sein Vermögen

Es sollte bis 1959 dauern, bis der erste Kopierautomat, der ungefähr heutigen Standards entspricht, fertig war. Der Xerox 914 ging nicht in den Verkauf, sondern wurde an Kunden vermietet. Und dieses Model übertraf alle Erwartungen. Es avancierte zu einem gigantischen Erfolg.

Carlson konnte zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile von seinen Rechte- und Firmenanteilen leben. Mit dem Durchbruch seiner Idee wurde er schlagartig ein reicher Mann. Doch an Geld war Carlson nicht interessiert. Er und seine Frau spendeten fast alles, ungefähr 100 Millionen Dollar, und blieben dabei zeitlebens anonym. Der „Chester und Dorris Carlson Charitable Trust“ existiert bis heute. Genau wie Carlsons Erfindung, die die Bürokommunikation revolutionierte – und die der klösterlichen Ruhe an Orten, an denen gelesen und geschrieben wird, ein Ende bereitete. Denn das charakteristische Geräusch des Kopierers haben alle Verbesserungen und Nachfolger des Xerox 914 noch nicht zum Verstummen bringen können.

Cord Krüger

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