Die Bandbreite der Weihnachtsbräuche ist enorm. Während die Dänen den Weihnachtsmann in Grönland vermuten und die Amerikaner am Nordpol, warten die Niederländer auf die Ankunft von Sinterklaas und Zwarte Piet mit dem Schiff aus Spanien. Oft reichen die Bräuche Jahrhunderte zurück. Ihre Entstehung lässt sich entsprechend schlecht datieren. Eine Weihnachtstradition hingegen lässt sich ganz genau zuordnen. Die erste Kerze des ersten Adventskranzes wurde am 1. Dezember 1839 in Hamburg  angezündet. Doch wer hat ihn erfunden?

Weder war es ein findiger Geschäftsmann, noch war die Erfindung des Adventskranz‘  das Nebenprodukt einer ganz anderen Erfolgsidee. Zweck und Funktion waren die gleiche wie heute: Er symbolisiert das näher rückende Weihnachtsfest, spendet Hoffnung und Besinnlichkeit und hilft, die Zeit bis Heiligabend zu verkürzen.

Hoffnung für Kinder in Not

Den Einfall dazu hatte der berühmte evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern (1808-1881). Er gilt als Begründer der Inneren Mission, des Vorläufers des Diakonischen Werks. Ab 1832 arbeitete Wichern als Lehrer in einer Sonntagsschule in der Hamburger Gemeinde St. Georg. Die aufkommende Industrialisierung zog viele Menschen in die Städte, wo es zugleich zu Armut und Verelendung kam. Der Theologe engagierte sich dort besonders für verwahrloste Kinder und erkannte, dass es in vielen Fällen nicht reichte, Hilfe anzubieten. Die Kinder müssten aus ihrer Not befreit werden.

1833 gründete er zu diesem Zweck etwas außerhalb der Stadt auf einem ehemaligen Bauernhof das „Rauhe Haus“. Diese soziale Einrichtung nahm Kinder und Jugendliche auf, mit dem Ziel, ihnen ein stabiles Heim und eine solide Ausbildung zu verschaffen. In den folgenden Jahren wuchs das „Rauhe Haus“ um Nebengebäude und Werkstätten. Heute werden dort mehr als 3000 Menschen betreut – meist in kleinen Betreuungseinheiten, wie von Johann Hinrich Wichern einst begründet.

Zu groß für die Wohnstuben

Den ersten Adventskranz stellte er 1839 im Gebetsraum des „Rauhe Haus“ auf. In einigen Dingen wich er jedoch deutlich von seiner heutigen Gestalt ab. Wicherns Adventskranz bestand aus einem alten Wagenrad, auf dem er mehr als zwanzig Kerzen befestigt hatte: kleine rote für die Werk- und große weiße für die Sonntage. In gewisser Weise nahm er damit also bereits die Idee des Adventskalenders vorweg.

Ab dem Jahr 1860 wurde der Adventskranz dann auch mit Tannengrün und Bändern geschmückt. Als sich die Idee vom „Rauhe Haus“ aus in die deutschen Wohnstuben verbreitete, mussten die kleinen Kerzen weichen, weil für einen Kranz im Format eines Wagenrades meist kein Platz war. So setzte sich schließlich die Variante mit vier großen Kerzen durch.

Die katholische Kirche stand dem Brauch allerdings lange Zeit skeptisch gegenüber. Erst 1925 wurde in Köln zum ersten Mal in einer katholischen Kirche ein Adventskranz aufgehängt. Kurz darauf schaffte der Brauch den Sprung über den Atlantik und ist seither auch in den USA beliebt. Es sind eben nicht immer die Europäer, die Traditionen aus Übersee adaptieren. Einigen Erfolgsideen gelingt das auch andersherum.

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