Manchen Menschen wird der Erfolg nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Und doch schaffen sie den Sprung an die Spitze. Bei Markus Rehm trifft das im wörtlichen Sinne zu: Er ist 23 Jahre alt und Spitzensportler. 2010 und 2011 wurde er deutscher Meister im Weitsprung, hat Medaillen in fast allen Alters- und Leistungsklassen gewonnen und ist zudem aktueller Weltrekordhalter. Was man dazu sagen muss: Markus Rehm fehlt ein Bein.

Wo einst sein rechter Unterschenkel war, glänzt heute grün lackiertes Carbon mit Titaneinsätzen. Seit einem Wassersportunfall im Jahr 2003 lebt der Leverkusener ohne rechten Unterschenkel. Insgesamt hat er drei Prothesen. Zwei für den Alltag, eine für den Sport – alle selbst gebaut: „Normalerweise braucht man zwei Wochen für eine Prothese. Ich nehme mir aber mehr Zeit, damit sie zu 100 Prozent passt und optimal auf meine Bedürfnisse angepasst ist.“

Durch Zufall hat er sich im Jahr 2005 für eine Lehre zum Orthopädiemechaniker und Bandagisten entschieden. Der Orthopädiemechaniker, der seine Prothese baute und anpasste, besaß einen eigenen Laden. Nach einem Ferien- und anschließendem Nebenjob folgte die Ausbildung.
Und auch die meisterte Markus Rehm mit vollem Erfolg: Mit seinem Gesellenstück wurde er zum Sieger der  Handwerkskammer ernannt. Danach ging es weiter mit dem Wettbewerb auf Landesebene – ebenfalls erster Platz. Selbst auf Bundesebene wurde seine praktische Arbeit als zweitbeste in Deutschland angesehen. Die Meisterschule folgte, und auch diesmal schnitt er als Jahrgangsbester in der Praxis mit 194 von 200 möglichen Punkten ab. Ein Leben auf der Erfolgsleiter!
Seit März arbeitet er als Orthopädie-Techniker Meister. Bisher nur halbtags, denn nach der Arbeit ruft die Halle zum Training. „Ich trainiere sechs Tage die Woche. Drei Tage davon zweimal täglich. Meistens wird es aber mehr. Es ist natürlich anstrengend und manche Übungen fallen mir schwerer, aber mit meiner Trainerin Steffi Nerius probiere ich dann einfach andere Dinge aus und suche Methoden die funktionieren.“

Was geschah…

Markus Rehm war schon immer sportbegeistert: Mit 14 war Markus leidenschaftlicher Wakeboarder. Dann der Schicksalsschlag: Auf dem Main misslang ein Sprung, Markus ließ die Leine los. Er fiel ins Wasser, ein näherkommendes Boot übersah ihn. Seine Beine mitsamt dem Board landeten in den Schiffsschrauben.


„Als das Schiff auf mich zukam, versuchte ich nur irgendwie wegzukommen, aber eigentlich war mir klar, dass ich keine Chance habe. Es kam frontal auf mich zu und war viel zu schnell.“
Drei Tage lang versuchten die Ärzte seine Beine zu retten, doch schließlich kam die Entscheidung: Der rechte Unterschenkel muss ab – Blutvergiftung.

Für Markus folgte eine lange Zeit des Nachdenkens. Sechs Wochen im Krankenhaus, weitere fünf in der Reha. Gefesselt an einenRollstuhl, nicht wissend, ob die Leidenschaft zum Sport  ein jähes Ende gefunden hatte. „Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder auf ein Wakeboard steigen kann. Außerdem war ich 14 Jahre alt, da fängt das mit der ersten Freundin an. Ich fragte mich natürlich: Werden sich die Mädchen noch für mich interessieren? Vor allem musste ich mich mit meinem eigenen Spiegelbild abfinden. Aber meine Familie und Freunde haben mir sehr dabei geholfen. Das Krankenhaus war 180 Kilometer von zu Hause entfernt – sie haben mich trotzdem besucht. In solchen Momenten spürte ich, wie wertvoll wahre Freunde sind.“

Nach der Reha erhielt Markus seine erste dauerhafte Prothese und ging wieder zur Schule. Seine Mitschüler waren verunsichert, wussten nicht genau, wie sie mit ihm umgehen sollten, aber Markus machte deutlich, dass er keine Sonderbehandlungen will. Für ihn ging das Leben normal weiter, und so hielt es ihn auch nicht lange an Land. Als die wasserfeste Prothese im Sommer 2004 angepasst wurde, ging es gleich an die Wakeboard-Probe.

„Ich habe mich so darauf gefreut, aber natürlich erinnerte ich mich jedes Mal an den Unfall, wenn wir an der Stelle vorbeikamen. Das ließ sich irgendwann ausblenden, aber wenn uns ein Boot, folgte wurde ich empfindlich. Die fahren oft zu nah auf und in solchen Situationen machte ich dann eben keine Tricks mehr oder wir fuhren an Land und beendeten die Fahrt.“

Auf zu neuen Zielen

Obwohl die ersten Versuche auf dem Wakeboard schwierig waren, hielt Markus Sportbegeisterung an. Er probierte immer mehr mit seinen Prothesen aus und passte notfalls die Wakeboard-Bindungen und später die eigenen Prothesen an. Wenn er nicht aufs Wasser konnte, machte er Trockenübungen auf einem Trampolin. Statt sich zu verstecken führte er die Tricks auch öffentlich vor. Bei einer dieser Veranstaltungen wurde er entdeckt:

„Mich sprach ein Athlet aus Leverkusen an, ob ich mir etwas in Richtung Leichtathletik vorstellen könnte. Ich sah mir die Halle an und als ich erzählte, dass ich über fünf Meter weit springen könnte, selbst mit meiner Alltagsprothese, staunten sie nicht schlecht.  Das war nämlich deutscher Rekord.“ Er bekam eine Prothese die speziell für die Leichtathletik angepasst wurde und begann mit dem Training.
Durch Disziplin und Ausdauer stellten sich bald die ersten Erfolge ein. Besonders stolz ist Markus auf die Weltmeistertitel, die er 2009 und 2011 gewann. Ein weiteres Highlight für ihn war der Weltrekord im Weitsprung mit Unterschenkelprothese über 7,09 Meter.
Und 2012? Natürlich ein noch höheres Ziel: Die Paralympics, die vom 29. August bis 9. September in London stattfinden.
Die offizielle Nominierung und Aufstellung erfolgt zwar erst im Juni, aber der 23 jährige ist zuverlässig: „Ich habe meine Norm erreicht. Für die Aufstellung müsste ich zirka sechs Meter springen, dass wird kein großes Problem für mich und durch meine bisherigen Erfolge habe ich gute Chancen. Mein Ziel ist dann natürlich die Goldmedaille und den Weltrekord noch weiter nach oben zu schrauben.“

Um diese hoch gesteckten Ziele zu erreichen, konzentriert er sich fast ausschließlich auf den Sport. Denn mit seinen Leistungen will Markus Rehm auch anderen zeigen, dass man trotz Handicap Großes leisten kann und sich nicht aufgeben sollte. Die sportlichen Ziele stehen für ihn derzeit an erster Stelle, nach der Karriere im Leistungssport hat er aber auch berufliche Pläne. Neben der Entwicklung und stetigen Verbesserung von Prothesen spielt er mit dem Gedanken sein eigenes Geschäft zu eröffnen.
„Es hat mir all die Jahre geholfen, mir neue Ziele zu setze, diese zu erreichen und wieder neue, höhere Ziele anzuvisieren. Und ansonsten habe ich einfach alles mit meiner Prothese ausprobiert und mir nicht vorschreiben lassen was ich damit machen kann. Das sollte auch jeder für sich selbst herausfinden. Zusammengefasst also: Weitermachen, nicht unterkriegen lassen und sich nicht von anderen behindern lassen.“

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