Pia-Céline Delfau strahlt, als sie die Urkunde für das mit 5000 Euro dotierte Stipendium entgegennimmt. Überhaupt lächelt die 23-Jährige sehr viel, obwohl sie es nicht immer leicht hat. Oft ist der Alltag der Studierenden sogar sehr anstrengend – denn Pia-Céline ist schwerhörig. Zumindest so lange sie ihre Hörhilfen trägt. Schaltet sie diese ab, ist sie taub. Trotzdem meistert sie nicht nur ihr Studium mit Bravour, sondern engagiert sich auch noch ehrenamtlich. Ein Pensum, das viele Normalhörende kaum bewältigen könnten.

Pia-Céline Delfau (23) studiert im 8. Fachsemester Psychologie in Hamburg. Quelle: Privat

Pia-Céline Delfau ist jemand, den man als fröhlichen, offenen und freundlichen Menschen beschreiben würde. Sie ist zirka 1,70m groß, hat braune, schulterlange Haare und wachsame, freundliche Augen. Manchmal blitzt etwas Glänzendes hinter ihrem Ohr auf, wenn die Haare etwas zur Seite gleiten. Sie kommuniziert gerne. Deswegen studiert sie auch Psychologie. Darin ist sie nicht nur sehr erfolgreich. Sie hilft mit ihrem Einfühlungsvermögen und ihren eigenen Erfahrungen  auch anderen in ähnlichen Situationen bei Problemen und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf.

Pia-Céline spricht außerdem vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und die Deutsche Gebärdensprache. Im Dialog ist ihre Artikulation sehr deutlich, ihr Wortschatz umfassend – aber das war nicht immer so und bedurfte hartem Training, denn  Pia wurde mit einer Hörschädigung geboren.

 

Am Anfang war die Ungewissheit

Mittlerweile gibt es das Neugeborenen-Hörscreening, einen Hörtest für Kleinkinder, um eine Hörschädigung frühzeitig festzustellen und die Kinder dann entsprechend zu versorgen . Doch vor 23 Jahren, als Pia-Céline Delfau geboren wurde, war die Forschung noch nicht auf diesem Stand. Pias Mutter, Anne Marie Delfau (62), bemerkte erst später, anhand der Reaktionen ihrer Tochter, dass etwas nicht stimmen konnte: „Pia hat mit einem Jahr angefangen Wörter zu lernen, sagte sie eine Weile und sagte sie dann plötzlich nicht mehr. Es schien als würde sie das Wort lernen und es wieder vergessen. Aber ich konnte nicht verstehen, was mit meiner Tochter ist.“ Damals arbeitete Anne Marie Delfau als Psychotherapeutin mit taubblinden Kindern. Deren ähnliche Verhaltensweise bewegte sie schließlich dazu, mit ihrer Tochter zur HNO-Klinik zu fahren. Allerdings brachte auch das anfangs keine Gewissheit.
Mit ernstem Blick spricht sie von dieser Zeit: „Die Ärzte sagten mir dort, mein Kind bräuchte nicht zu sprechen, weil ich es zu sehr verwöhnen würde. Aber damit habe ich mich nicht zufrieden gegeben.“ Stattdessen lief sie von einem Arzt zum Nächsten.
Erst beim dritten Fachmediziner erhielt sie die Diagnose.
„Der Arzt hat mit ihr gesprochen und sich umgedreht. Dann sagte er zu mir, dass mein Kind schwerhörig sei und nur gut von den Lippen ablesen würde, spätestens in der Pubertät würde Pia gänzlich ertauben. Dadurch wurde mir auch erst bewusst, wie oft Pia mich gar nicht gehört oder verstanden hat. Das habe ich vorher gar nicht realisiert.“

Das Leben in der Seifenblase

Nach dieser Diagnose bekam Pia mit zweineinhalb Jahren die ersten Hörgeräte. Langsam aber stetig konnte sie Hören und Sprechen lernen. Und jedes Mal wenn die Tochter mit einem neuen Wort aus dem Kindergarten kam, war das  Familie Delfau einen Tanz und Jubel wert. Doch der erste Hörsturz kam und bis heute ist das eine von Pias ersten Erinnerungen – dieses komische Gefühl: „Ich stand vor einem Spiegel und meine Mutter hinter mir, ich kann mich nicht mehr genau an die Situation erinnern, aber daran, wie es sich anfühlte. Es war ein bisschen so als hätte sich eine Seifenblasse um mich geschlossen. Dann habe ich nur gesagt „Mama ich hör nix mehr“ und meine Mutter erzählt immer, ich hätte ein angstverzerrtes Gesicht gehabt.“
Damals war Pia fünf Jahre alt. Ihre Mutter dachte  nicht lange nach, nahm ihr Kind und fuhr in die nächste Klinik, doch wieder ist Anne Marie Delfaus Erinnerung an die Ärzte keine Gute: „Dort stießen wir erst auf Skepsis und man sagte mir, dass Kinder keine Hörstürze hätten.“

 

Anne Marie Delfau (62) hat ihre Tochter Pia-Céline (23) immer bei ihrem Weg begleitet. Gemeinsam ging es auch zur Stipendiums-Vergabe am 16. Juni 2012.
Quelle: Cochlear Deutschland GmbH & Co. KG

Die Forschung war zu damaliger Zeit noch nicht auf dem heutigen Stand, doch letztlich erhielt das fünf-Jährige Mädchen die notwendige Behandlung, auch wenn es keine angenehme war: Zehn Tage Krankenhaus mit starken Kortison-Infusionen. Pias Mutter wich während dieser Zeit nicht von der Seite ihrer Tochter, um sie zu begleiten und ihr die Hand zu halten.
Durch diese Unterstützung und ihren eigenen Willen überstand Pia die Zeit im Krankenhaus und versuchte sofort  ihr Sprachlernpensum aufzuholen.

Keine Zeit zum Durchatmen

Doch obgleich Pia schon immer lernfreudig war und eine schnelle Auffassungsgabe besitzt, war die Schulzeit nicht leicht für sie. Zuerst war sie auf einer Schule für Hörende.
„Die akustische Situation dort war schrecklich und wahnsinnig anstrengend. Außerdem haben die Lehrer in der Grundschule zu meiner Mutter gesagt, dass ich selber schuld wäre, weil ich ja immer aus dem Fenster schauen würde“, erzählt Pia während sich ihr sonst so fröhliches Gesicht in Falten legt. Mit ernster Miene fährt sie fort: „Meine Mutter versuchte daraufhin zu erklären, dass ich diese Pausen einfach brauchte – ich habe versucht, im Unterricht mitzumachen, aber kein Mensch kann sich stundenlang auf absehen, kombinieren und verstehen konzentrieren.“
Denn genau das bedeutet für Pia jede Minute, die sie mit anderen Menschen oder Geräuschen verbringt: Konzentration und Arbeit. Während die anderen Kinder dem Lehrer ganz intuitiv zuhören und sich ausschließlich auf die Aufgaben konzentrieren mussten, bestand für Pia die größte Hürde immer erst darin, zu entschlüsseln was der Lehrer fragt und wissen will.
Ihre Schulzeit war deshalb von permanenten Wechseln geprägt. Als nächstes folgte eine Schule für Hörgeschädigte, aber viele Lehrer unterschätzen damals das Potenzial der hörgeschädigten Schüler, sodass Pia-Céline unterfordert war. Dagegen wussten die Lehrer auf den Schulen für Hörende nicht mit einer Schwerhörigen umzugehen.
Diese Zeit des Hin und Her war schrecklich, trotzdem bemühte sie sich den Anschluss nicht zu verlieren. Zumindest die späteren Klassen konnte sie etwas genießen: „Eine wirklich gute Schulzeit hatte ich erst in der Oberstufe in Hamburg auf einem integrativen Gymnasium. Dort wurden hörende und hörgeschädigte Schüler zusammen unterrichtet. Das war eigentlich perfekt, denn das Niveau war angemessen und es wurde trotzdem Rücksicht genommen.“
Dann plötzlich: der nächste Rückschlag.
Der neunte Hörsturz kündigte sich in der 12. Klasse an. Bei den bisherigen acht Hörstürzen fuhren die Delfaus zeitnah zur Klinik, doch dieses Mal ließ sich Pia-Céline Zeit, erzählt sie: „Wenn man acht Mal für eine Woche lang Kortison gespritzt bekommt, hat man irgendwann einfach keine Kraft mehr – das war dann in diesem Fall so. Ich wollte nicht wieder ins Krankenhaus und wie ein Ballon aussehen.“ Letztlich entschied sie sich zum Wohl ihres Gehörs für eine weitere Behandlung und ging zum Arzt. Als wäre es unwichtig, erzählte er ihr, dass es sich nur um zehn Dezibel handeln würde, es also nicht so schlimm sei. Pia-Céline hingegen war geschockt. Sie hörte zu damaliger Zeit in diesem Bereich nur noch 20 Dezibel, demnach hatte sie die Hälfte ihres restlichen Hörvermögens verloren – sofort ließ sie sich an den Tropf anschließen – doch  es war zu spät. Der neunte Hörsturz war einer zu viel. Als Pia-Céline Delfau am nächsten Morgen aufwachte, war sie taub.

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  1. Daniela Jarnoth

    Der Bericht von Jessika Walter über den Werdegang von Pia -Cèline Delfau hat mich sehr berührt,da doch auch viele Erinnerungen bezüglich meiner Tochter wieder zum vorschein kamen.
    der unermüdliche Einsatz für sein Kind ,besonders in der damaligen Zeit, als die Entwicklung und Forschung noch nicht so weit waren ,das Durchsetzen des Verdachts einer Schwerhörigkeit des Kindes bei den Fachräften u.s.w.ist ein hartes Stück Nervenarbeit ,auch für die Familie gewesen.
    Meine Tochter (19Jahre) durfte Pia glücklicherweise bei der Beratung persöhnlich kennenlernen und ich Danke Ihr hiermit sehr für Ihre herforragenden Gespräche,mit meiner Tochter.
    Pia hat meine Tochter nicht nur sehr gut bezügl.des angehenden Stüdiums beraten ,sondern Ihr auch eine ganze Menge mehr Selbstbewustsein vermittelt.
    Schwerhörigkeit verunsichert enorm und besonders im Jugendalter bei der Selbstfindung und es war
    einfach Toll zu sehen, was Pia in meiner Tochter an Kraft ausgelöst hat .
    Meiner Tochter hat sie die Augen geöffnet.Ihr Studium beginnt morgen.
    Danke dafür Pia-Cèline Delfau
    Daniela Jarnoth

  2. Duesing Monon-Jan

    Pia halte jeden Tag deine Hände 10 Minuten nebenannader auf dem Bauchnbel.dann nehme deine warme Hände und halte paar minuten anden Ohren.sie helfen dir .
    wenn du möchtest gebe ich dir einmal Behandlung ..als Geschenk.. du wirst nach und nach sehen was deine eigene Korper dir geben kann. wünsche dir Sonne..

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