England & Italien

Außerhalb englischer Pubs sorgen Überlegungen über die ach so großen Titelchancen der Three Lions seit jeher für Schmunzeln. Diesmal jedoch zog England relativ souverän ins Viertelfinale ein – und das sogar ohne den gesperrten Starstürmer Wayne Rooney. Italien wiederum galt vor dem ersten Spiel ebenfalls als Außenseiter, die Mannschaft als müde und überdies – mal wieder – in einen Wettskandal verwickelt. Doch auch Italien kam eine Runde weiter. Bemerkenswert daran ist, wie.

Beide Teams spielten nämlich mit einer für sie unüblichen Taktik: Die Engländer warfen ihr Kick-and-Rush über Bord und bekamen vom neuen Trainer Roy Hodgson eine Strategie mit realistischeren Erfolgsaussichten verordnet: Sie spielten defensiv. Italien hingegen igelte sich gegen Spanien nicht im bewährten Catenaccio-Stil ein, sondern spielte gegen die Iberer forsch nach vorn. England und Italien demonstrieren, dass man manchmal mit Traditionen brechen muss, um zum Erfolg zu kommen.

Defensiv-Taktiken

War das ein Fest, als England und Argentinien bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren versuchten, dem deutschen Hochgeschwindigkeitsfußball mit offenem Visier und einem zahlenmäßig unterlegenen Mittelfeld entgegenzutreten! Beide Teams wurden gnadenlos ausgekontert. Bei der EM stellen sich die Mannschaften jedoch auf die Situation ein. Auf die Idee gegen Spanien mitzuspielen kommt heute ebenfalls niemand mehr.


Bloß nicht verlieren! lautet heute die Devise – wobei die Weisheit, dass die Offensive Spiele, die Defensive hingegen Turniere gewinne, ja eine alte ist. Und so errichteten Mannschaften, die sich als die unterlegenen wähnten, in der Vorrunde eindrucksvolle Defensivbollwerke. Für Tschechien, Portugal, England und die Lieblingself jedes Fußballzynikers, Griechenland, zahlte sich das aus. Die russischen Vollgaskicker mussten hingegen abreisen. Überraschungen haben manchmal eben weniger mit beherztem Angriff als mit disziplinierter Verteidigung zu tun.

Stürmer unter Druck

Im Fußball der vergangenen Jahre haben Stürmer keinen leichten Stand. Durch die Umstellung vieler Mannschaften auf ein 4-5-1-System fielen vielerorts fünfzig Prozent aller Startplätze für Angreifer weg. Und Stürmer alten Schlages, die nahe dem gegnerischen Tor auf ihren Einsatz lauern, sich im Spielaufbau hingegen bedeckt halten, gelten ohnehin als aussterbende Spezies. Bei Spanien und Deutschland war sogar spekuliert worden, sie könnten ganz ohne Stürmer antreten. Bedenkt man die Torgefährlichkeit von Mittelfeldspielern wie Thomas Müller oder David Silva, erscheint diese Variante gar nicht mal so abwegig.
Bei der Europameisterschaft jedoch meldeten sich die Stürmer eindrucksvoll zurück. Spaniens Sorgenkind Fernando Torres traf gegen Irland doppelt, Mario Gomez sogar insgesamt drei Mal – genauso wie Mario Mandžukić (Kroatien) und Christiano Ronaldo (Portugal). Bei Italien kamen bereits drei Angreifer zum Torerfolg. Die Stürmer präsentieren sich für ihre Teams bislang als unverzichtbar. Auch Exemplare einer (angeblich) aussterbenden Spezies können eben noch Beachtliches leisten, wenn sie nur an sich glauben.

Cord Krüger

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