Buch

Mehr Tiefgang, bitte!

Ratgeber mit klarer Kernaussage sind eine gute Sache. Man weiß, woran man ist und muss nie rätseln, worauf der Autor hinauswill. Ob man der Linie folgen mag oder nicht, kann man schnell entscheiden. Problematisch wird es hingegen, wenn ein Buch außer dieser Kernaussage nicht viel zu bieten hat und es ihm nicht gelingt, diese in der notwenigen Tiefe auszuloten.

Um so einen Fall handelt es sich bei Mehr Disziplin, bitte! von Gitte Härter. Wollte man den Ratgeber auf seine Kernaussage reduzieren, erhielte man ein knappes „Reiß‘ dich zusammen!“

Das Buch will all jenen Hilfestellungen liefern, die ihre Ziele regelmäßig verschieben, aussetzen oder verfehlen, weil es ihnen an Selbstkontrolle und Durchhaltevermögen mangelt. Ob es ums Abnehmen geht, um mehr Gelassenheit oder einen neuen Job – Mehr Disziplin, bitte! möchte Tipps für alle  Lebenslagen liefern.

Auf 124 hübsch gelayouteten – wiewohl spärlich bedruckten – Seiten geht es drei Kapitel lang um Selbstdisziplin: wo sie herkommt, was ihr im Weg steht und wie man sie entwickelt oder ausbaut. Danach folgt ein vierter Abschnitt mit Anwendungsbeispielen. Zwischendurch gibt es einige kurze Interviews mit Experten, Selbsttests und jede Menge Infokästen.

Hübsch, gefällig, seicht

Wie beim Verlag Gräfe und Unzer üblich, überzeugt der Ratgeber mit einer zugleich übersichtlichen und liebevollen Optik. Gut gelungen ist auch die Idee, auf den Umschlaginnenseiten den Selbsttest „Wie diszipliniert sind Sie?“ zu platzieren. So kann jeder Interessierte schon im Buchladen herauszufinden, ob Mehr Disziplin, bitte! etwas für ihn ist.

Weniger gefällt demgegenüber die inhaltliche Struktur. Die Kapitel bauen nicht zwingend genug aufeinander auf. Während Härter noch alle Dimensionen des Begriffs Selbstdisziplin erläutert, gibt sie schon die ersten Tipps und stellt Übungen vor. Zugleich muss sie jedoch früh auf den Bereich der Lebensziele verweisen, für deren Erreichen man Disziplin überhaupt erst benötigt. Ziele jedoch werden erst ab Seite 75 behandelt.

Dass Mehr Disziplin, bitte! sein Thema angesichts seines knappen Umfangs nicht in allen Facetten in Angriff nehmen kann, ist klar. Dennoch enttäuscht die Seichtheit der Ratschläge. Härter fächert Selbstdisziplin in einen ganzen Strauß von Eigenschaften auf – von Eigeninitiative, über Ausdauer und Realismus bis hin zu Optimismus. Sie erkennt auch, dass mangelnde Selbstdisziplin komplexe psychologische Ursachen haben kann. Ihre Tipps jedoch laufen dann immer nach dem gleichen Muster ab: Sie trauen sich wenig zu? Dann trauen Sie sich mehr zu! Sie sind ein Pessimist? Sehen Sie doch mal das Positive! Und so weiter.

Fragen Sie Ihren Coach oder Therapeuten

Die Strategie läuft stets darauf hinaus, sich ein Problem bewusst zu machen, es in allen Details zu betrachten, sich zu überwinden und es dann – Simsalabim! – abzustellen. Immerhin gibt die Autorin den Rat, bei tief sitzenden psychischen Problemen, einen Therapeuten zurate zu ziehen.

Es bleibt darum letztendlich der Eindruck, eines ansprechend geschriebenen und aufgemachten Ratgebers, der leider niemandem so recht nutzen dürfte: Wer nur ein bisschen undiszipliniert ist, wird auf den Hinweis „Reißen Sie sich zusammen!“ auch selbst kommen. Und „schweren Fälle“ wird ein gut gemeinter Rat nicht reichen.

„Mehr Tiefgang!“ will man da rufen. In knietiefem Wasser lässt es sich schlecht schwimmen. Und lernen kann man es dort erst recht nicht.

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